Auf den Gemüse-Geschmack gekommen

Veranstaltungsreportage – Workshop „Ernten im Klimawandel – Gemüsevielfalt vom Garten auf den Teller"

Kirchberg am Wagram, 25. September 2026. Bei strahlendem Herbstwetter herrschte großer Andrang in der Bio-Marktgärtnerei „dirndln am feld": Über 30 Garten- und Genussbegeisterte waren der Einladung der LEADER-Region Donau NÖ-Mitte ins niederösterreichische Kirchberg am Wagram gefolgt. Der Workshop „Ernten im Klimawandel – Gemüsevielfalt vom Garten auf den Teller" im Rahmen des Projekts „KOSTBARE Region verbindet" war restlos ausgebucht – ein eindrucksvolles Zeichen, wie sehr Menschen heute wissen wollen, woher ihre Lebensmittel kommen. Im Internationalen Jahr der Bäuerinnen gaben drei Expertinnen ihr geballtes Wissen weiter und zeigten, wie eine nachhaltige Versorgung mit regionalen, frischen Lebensmitteln auch in Zukunft gelingen kann.

Das Feld mit allen Sinnen erleben

Sarah Schmolmüller, Gründerin der Bio-Marktgärtnerei dirndln am feld, leitete den Hands-on-Workshop und ließ die Teilnehmenden das Feld mit allen Sinnen erleben und begreifen. Seit sechs Jahren bewirtschaftet sie den Betrieb in Kirchberg am Wagram: Auf einem Hektar werden 60 Kulturen und 300 Sorten Gemüse angebaut. Beliefert wird die Wiener Gastronomie, zudem gibt es Gemüsekistl für die Bevölkerung zur Abholung am Feld – regionale Direktvermarktung, die kürzeste Wege zwischen Erzeuger*innen und Genießer*innen schafft.

Gemeinsam mit den Teilnehmenden erörterte sie die Werte einer Marktgärtnerei (englisch: Market Gardening) – daraus entstand im Workshop eine ganze Galerie. Da fiel der Begriff „gesunder Boden": Das Feld liegt auf wertvollem Lössboden. Hier, wo einst das Urmeer war, hat der Wind nach der letzten Eiszeit abgeblasenen Schluff zu bis zu 40 Meter hohen Wänden geformt – zum Beweis erstreckt sich dahinter die Wagramkante. Der Wagram zieht sich zwischen Hadersdorf und Stockerau über rund 50 Kilometer hin.

„Direktvermarktung" bedeutet für die Marktgärtnerei die direkte Beziehung zu den Konsument*innen. „Vielfalt" zeigt sich in der Landschaft: Totholzhaufen, Steine, Gehölze und Permaveggies bleiben stehen und sorgen für Biodiversität – im Hühnergehege wachsen Obstraritäten wie Maulbeere, Kakis, Chinesische Datteln und Mispeln. Im durchgängigen Zyklus von Saat, Wachsen und Ernten – 50 Wochen im Jahr wird geerntet, im Freiland und in vier Folientunneln – und in der biologischen Bewirtschaftung im Einklang mit der Natur liegen die Stärken, die Marktgärtnereien resilient in Zeiten der Klimakrise machen.

Ein weiterer zentraler Wert ist die „Vernetzung" mit anderen Marktgärtnereien: Produkte werden getauscht, Maschinen geteilt und Wissen gemeinsam weiterentwickelt. Wichtig sind auch die Mitarbeitenden, denen ein attraktiver Arbeitsplatz geboten werden soll.

Bei der Gemüse-Rallye erkundeten die Teilnehmenden mit schärfsten Rätseln das Feld: Gerüche wurden erschnüffelt, Gemüseraritäten verkostet, ein Gemüse-Aromarad gestaltet und kräftig Hand angelegt – vom Säen über die Feldbearbeitung bis zum Ernten, um die Marktgärtnerei im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Sarah gab dabei praktische Tipps: Unkraut am besten im Weißfadenstadium entfernen, mit seichter Bodenbearbeitung und Mulchen die Kapillarwirkung des Bodens brechen und so die Verdunstung mindern.

Samenfestes Saatgut: Unabhängigkeit und echter Geschmack

Reinhild Frech-Emmelmann, Gründerin von ReinSaat und EU-Bio-Landwirtin des Jahres 2024, gab in ihrem Vortrag Einblicke in die Bedeutung von samenfestem Bio-Saatgut. Seit Jahrzehnten bringt sie alte österreichische Gemüsesorten in die Zukunft – bereits an der Gründung der Arche Noah, rechtzeitig vor dem EU-Beitritt Österreichs, war sie beteiligt.

Samenfestes Saatgut ist vermehrungsfähig: Die Nachkommen besitzen dieselben guten Eigenschaften wie die Mutterpflanze – im Unterschied zum heute oft üblichen Hybrid-Saatgut. Der wichtigste Vorteil: Unabhängigkeit. Gärtnerinnen und Landwirte sind nicht gezwungen, jedes Jahr neues Saatgut bei großen Konzernen zu kaufen. Reinhild Frech-Emmelmann betonte, dass samenfestes Saatgut die regionale Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen kann – und Menschen WIRKLICH ernähren kann.

„Wenn man sich einmal auf diese Geschmacksreise begeben hat, wird man hellschmeckend werden." Wie das geht? Den Geschmack spüren und im Körper wirken lassen. Beim Wein gebe es die Berufsgruppe der Sommeliers – „beim Gemüse aber sind wir alle verbildet", so Frech-Emmelmann. Doch es gibt Hoffnung: Man kann lernen, wie man schmeckt! Marktgärtnereien kommt hier eine verantwortungsvolle Aufgabe zu: im Gespräch mit den Kund*innen die Freude an Farbe, Vielfalt und Geschmack weiterzugeben.

Gerade im Hinblick auf die Klimakrise brauchen wir adaptierte Sorten. Reinhild Frech-Emmelmann zieht ihre Pflanzen unter widrigen Umständen in St. Leonhard am Hornerwald heran: auf nur 15 Zentimetern Humus über saurem Urgestein – also, wie sie sagt, „in einer Gegend, wo man normalerweise KEIN Gemüse anbaut". Durch die biodynamische Bewirtschaftung hat sich der pH-Wert in den letzten 40 Jahren von 4,9 auf 7,3 verbessert. So entstehen im Freiland abgehärtete Sorten – über 1.000 sind bei ReinSaat erhältlich, für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Wassersparend gärtnern und selbst versorgen

Andrea Heistinger, Gartenbuch-Autorin und Beraterin, teilte ihr Wissen zu Selbstversorgung aus dem Bio-Garten und zu nachhaltigem, wassersparendem Gärtnern. Ihr Versprechen: „Es gibt ein paar Punkte, dann gärtnert man von heute auf morgen anders." Ganz wichtig ist ihr, den eigenen Sinnen zu vertrauen. Zur Pflanzenzucht führt sie vor Augen: Kulturpflanzen verändern für uns Menschen ihren Körper. Ohne Züchtungsarbeit würden sie sich wieder Richtung Wildpflanze zurückentwickeln. So entstehen Gemüsesorten, die zu den Bedingungen ihrer Region passen – wie der Vinschgauer Kowis, ein Weißkohl mit Köpfen von bis zu 8 Kilogramm, der in seinen ersten Monaten ins tiefe Wurzelwachstum investiert und damit seine Wasserversorgung sichert.

Noch bis in die 1980er Jahre wurden Bäuerinnen, die eigenes Saatgut vermehrten und keine Hybrid-Sorten verwendeten, belächelt. In den letzten Jahrzehnten hat das Erhalten alter Sorten wieder einen höheren Stellenwert – und es gehen keine Sorten mehr verloren.

Aus eigener Erfahrung weiß Heistinger: Durch die Klimakrise werden die Wasserversorgung – etwa durch unterirdische Bewässerungsschläuche – und der Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung und Hitzeschäden immer wichtiger. Es gibt aber auch Hitzegewinner wie Melanzani, Moschuskürbisse oder Tomaten. Ein weiterer Vorteil, ja ein „Prinzip der Marktgärtnerei ist, dass man sich zum 4-Jahreszeiten-Garten hin entwickelt": So lassen sich etwa Wintererbsen anbauen, von Kohl über Rote Rüben bis zu Asia-Salaten ist vieles möglich. Wer im Winter ernten möchte: Die Broschüre „Ganzjahresgärtnerei" von ReinSaat, entstanden in Kooperation mit DI Wolfgang Palme, gibt genaue Anleitungen und Sortentipps.

Ihre weiteren Tipps: RETENTIS, ein natürliches, biologisch abbaubares Wasserspeicher-Granulat aus Lignin, hergestellt in Österreich – es speichert bis zu 10 Liter Wasser pro Kilogramm Granulat und erspart viel Gießen. Und Super Gardenfood, ein nachhaltiger Bio-Dünger aus Österreich, hergestellt aus dem Chitin von Mehlwürmern und Mehlkäfern. Weitere wertvolle Erfahrungen finden sich in ihren vielen Gartenbüchern.

Kulinarischer Ausklang und ein Blick nach vorn

Zum kulinarischen Ausklang rundeten gemüsereiche Köstlichkeiten von Moni Pölzer von der Adam-Mühle aus Spitz die Veranstaltung ab.

Wer wissen will, wie Habanadas schmecken oder wie die Rote Rübe „Wintersonne" wächst, baut im eigenen Garten künftig neue Sorten an. Jetzt ist eine gute Zeit, um Snow Food nach der ReinSaat-Winterernte-Broschüre auszusäen. Und wenn es schnell und bequem gehen soll: einfach einen Bio-Gemüsekorb bei dirndln am feld vorbestellen und abholen. Die Botschaft des Nachmittags ließ sich mit allen Sinnen begreifen: Regionale Vielfalt, samenfestes Saatgut und wassersparendes Gärtnern sind der Schlüssel zur Versorgungssicherheit mit frischen Lebensmitteln aus der Region. Vielleicht werden wir so bald alle zu Gemüsesommeliers.

Weiterführende Links:

Marktgärtnerei Dirndln am Feld www.dirndlnamfeld.bio

Reinsaat Saatgut und Kataloge www.reinsaat.at

Gartenbücher für jeden www.andrea-heistinger.at

Heuriger mit regionalen Spezialitäten www.adam-mühle.at 

Mehr zu Marktgärtnereien in Österreich www.marktgaertnerei.at   

Wasserspeicher-Granulat Retentis agrobiogel.com

Chitin-Dünger www.supergardenfood.com 

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